Die in Düsseldorf lebende Schriftstellerin Gina Mayer entführt den Leser mit
diesem Roman in die Zeit des Dritten Reiches. Im Mittelpunkt des Romans stehen
die beiden Schwestern Anna und Orlanda. Anna, die ältere von beiden, arbeitet
als Krankenschwester in einem Krankenhaus, während Orlanda als Sängerin eine
Anstellung an der Düsseldorfer Oper hat. Nachdem sie diese verloren hat,
entdeckt sie die Swingmusik für sich und wird Sängerin der Melody Girls. Sie
wird hin und her gerissen von der Liebe zu dem Jazz-Geiger Leopold und dessen
Freund Clemens, der ebenfalls an der Oper arbeiten. Als im Krankenhaus ein neuer
Chefarzt erscheint, steigt Anna zur OP-Schwester auf. Seit der Machtübernahme
der Nazis wird das Leben in Deutschland immer schwerer. Auch Orlanda wird mit
einem Berufsverbot belegt, weil Swingmusik zur entarteten Musik gehört und die
Melody Girls nicht mehr auftreten dürfen. Aber auch im Krankenhaus sind Ärzte
und Krankenschwestern unterschiedlicher Meinung zu den Geschehnissen in
Deutschland. Anna kann und will nicht allem zustimmen, was die Nazis anstellen.
Als die Situation im Verlauf der Jahre immer schwieriger wird, schließt sich
die religiöse Anna einer Gruppe an, die im Untergrund Widerstand leistet. Erst
viel später erzählt sie ihrer jüngeren Schwester Orlanda davon. Die ist
sofort hellauf begeistert und möchte so schnell wie möglich ebenfalls am
Widerstand teilnehmen.
Sehr vielschichtig und mit vielen Details aus dem damaligen Düsseldorf, aber
auch aus der Zeit des Dritten Reiches, wird von Gina Mayer einen anrührende
Geschichte zweier Schwestern im Widerstand gezeichnet. Schwerpunkt liegt dabei
ganz klar auf der Entwicklung der Figuren. Während einzelne Nebenfiguren noch
einem klassischen Schwarzweißbild entsprechen, so ist dies bei den Hauptfiguren
nicht mehr erkennbar. Sie bestehen aus unendlich vielen Grautönen. Auf diese
Weise versucht die Schriftstellerin dem Leser nahezubringen, dass die Zeit des
Dritten Reiches nicht einfach schwarz-weiß gesehen werden darf. Obwohl die
Schwestern bei weitem nicht immer einer Meinung sind, gehen sie doch einen
gemeinsamen Weg auf ein gemeinsames Ziel zu. Bei den Freunden und anderen ist
dies nicht mehr der Fall. Während der Jazzmusiker Leopold an seinem
Berufsverbot beinahe zu Grunde geht, schafft es der Opernsänger Clemens bis in
die höchsten Kreise und wird sogar von Göbbels hofiert. Eine gemeinsame
Freundin Fritzi, die schon in ihrer Jugend ihren jüdischen Nachnamen abgelegt
hat, weil sie nichts mit der jüdischen Religion zu tun hat, zeigt, dass auch
Juden nicht in einen gemeinsamen Topf zu werfen sind. Annas Chefarzt ist ein
Mensch, der durchaus Verständnis für das menschliche Miteinander aufbringt,
der den Nazis aber keinen Widerstand entgegenbringt und eher, seinen Wohlstand
und seine Karriere im Sinn, bei öffentlichen Anlässen den Nazis nach dem Mund
redet. Diese Vielschichtigkeit von Figuren und Charaktereigenschaften wird von
der Autorin in eine spannende Handlung gepackt und mit sehr vielen Bildern und
Detailtreue in die Köpfe der Leser gepflanzt. Während der Leser lange Zeit im
Glauben gelassen wird, dass die Fronten innerhalb dieser Figurenkonstellation
ziemlich klar sind, gibt es zum Ende hin immer mehr Überraschungen. Die
Hinundhergerissenheit zwischen den beiden Männern Leopold und Clemens zieht
sich durch den gesamten Roman und immer wieder muss sich der Leser fragen, wie
sich Orlanda am Ende entscheiden wird. Wird sie sich überhaupt entscheiden
müssen, oder macht die Liebe ihr eigenes Spiel mit ihr?
Fazit
Ein hinreißender Roman, der in Düsseldorf spielt und viel Liebe zur Musik
durchschauen lässt. Ein Roman, der die Gefühle anspricht, und den Menschen von
heute, die meistens die Zeit des Dritten Reiches nicht am eigenen Leib erfahren
haben, emotional nahe bringt. Ein solcher Roman hat einfach die volle Punktzahl
verdient.
Vorgeschlagen von Detlef Knut
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veröffentlicht am 28. Oktober 2013 2013-10-28 21:43:57