Faszination Tiefsee
Mit Hochdruck laufen gerade gegenwärtige einige Projekte zur weiteren
Erforschung der Tiefsee, zunächst vor allem zum bemannten Erreichen des
tiefsten Punktes der Weltmeere. Orte, an denen bisher weitgehend nur unter hohem
Aufwand unbemannte Tauchroboter Zugang gefunden haben. Eine "Terra
incognita" somit, die durchaus zurecht mit der weltabgewandten Seite des
Mondes verglichen wird, was den bisherigen Einblick der Menschen in diese
unzugängliche, unwirtliche Welt angeht.
Eine Welt, die ein, soweit bisher bekannt, äußerst komplexes Lebenssystem
darstellt und auch eine bedrohte Welt. Auch in den Tiefen der Meere zeigen sich
Folgen menschlichen Handelns, droht das diffizil angelegte ökologische
Gleichgewicht aus dem Tritt zu geraten.
Jene unbekannte, faszinierende, bedrohte Welt ist es, die sich Antje Boetius,
Tiefseeforscherin und ihr Vater Henning, Autor, zum Thema ihres gemeinsamen
Buches erkoren haben.
Schon eine erstes Blättern im Buch durch die diversen Bildteile zeigt, dass die
Autoren einen weiten Blick werfen. Auch auf das Meer in der Literatur, der
Philosophie und in alten Mythen, nicht nur auf Bilder und Beschreibungen dessen,
was die Forschung in den letzten Jahren in den Tiefen der Meere gefunden hat. So
wundert es nicht, dass die Entstehungsgeschichte des Planeten Erde selbst,
soweit diese von Belang für die nun vorliegende Form der Meere ist, im Buch
seinen Niederschlag findet und von dort an detailliert dem Leser die
vorliegenden Forschungsergebnisse durch die Zeiten hinweg erläutert, mit
Zeichnungen und, so vorhanden, Bildmaterial dann ergänzt.
Auch wenn die Autoren den Ozean der Verständlichkeit halber als "große
Badewanne" bezeichnen, in allen angesprochenen Facetten wird die Urgewalt
und schiere Größe dieses weitgehend noch unbekannten Lebensraumes fassbar im
Buch vermittelt. Die im Buch integrierte "Reportage" als Darstellung
einer praktischen Forschungstätigkeit zeigt allein schon in Bild und Text im
Blick auf benötigtes Material, welch dem Menschen feindlicher Lebensraum die
Tiefsee ist. Ebenso, wie an anderen Stellen im Buch das hohe Artenreichtum in
Flora und Fauna der Meere bildreich und fundiert vorgestellt wird. Viele
Beschreibungen, Forschungsergebnisse und Darstellungen, die verdeutlichen, wie
in zumindest einigen Tiefseewesen eine "vollkommene Symbiose des Schönen
mit dem Nützlichen" sich herausgebildet hat. Ungestört bisher von
eingreifenden Handlungen des Menschen.
Eine evolutionäre "Urtümlichkeit" der Entwicklung, die, wie
erwähnt, bedroht ist. Mehr und mehr. Eine Bedrohung, an der die Autoren nicht
vorbeigehen, in deren Hinsicht die Leidenschaft im Buch durchaus zu spüren ist.
Ohne genau zu wissen, was der Mensch mit seinem Hunger nach Rohstoffen, in Bezug
auf den Klimawandel und die Umweltverschmutzung anrichtet, geschieht genau dies
mehr und mehr mit und in jenen so versperrten Regionen der Tiefsee.
Hier vor Augen zu führen, wie menschliches Verhalten einwirkt, vor allem aber
diese einzigartige Welt soweit als bekannt ins Bewusstsein zu rücken in ihrer
"paradiesischen Schönheit", das ist das eigentliche Anliegen der
Autoren, welches sie durchaus faszinierend durch das Buch zu transportieren
verstehen. Auch wenn die teils religiös verbrämte Sprache ("Kathedrale
der Finsternis", "Altäre der Tiefsee", "Leben in der
Krypta") doch ein wenig deplaziert wirkt. Das aber ein Bewusstsein
darüber, das "stecke Deinen Finger in das Meer und Du bist mit der ganzen
Welt verbunden" (durch alle Zeiten gar noch hindurch) eine Erkenntnis ist,
die im Umgang mit der Erde und ihren faszinierenden Biotopen wichtig für die
Einsicht in die Notwendigkeit eines schützenden Umdenkens ist, das ist
sicherlich unbestritten.
Fazit
"Das dunkle Paradies" bietet einen vielfachen, faszinierenden, ebenso
wissenschaftlich wie persönlich gehaltenen Einblick in eine der Letzten, echten
unbekannten Welten dieser Erde und zugleich einen Eindruck der Entwicklung der
Welt, der Kulturlandschaft "Ozean" und der Wissenschaftsgeschichte.
Eine sehr zu empfehlende Lektüre.
Vorgeschlagen von Lesefreund
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veröffentlicht am 31. Januar 2012 2012-01-31 10:20:49